Ailton - so gut war er noch nie   (Kreiszeitung vom 31.Januar 2004)

Riesenlob von Beckenbauer / Nach zwei Jahren bei Schalke will der Stürmer zurück nach Bremen

Von Arne Flügge

Der Wechsel im Sommer zu Schalke 04 ist unumstößlich. Und es scheint, als wolle es Ailton (30) vorher allen in Bremen noch einmal zeigen. Er kam überpünktlich aus dem Urlaub zurück und legte nach seinem Muskelfaserriss in der Reha eine Disziplin an den Tag, die jeden Physiotherapeuten Bauklötze staunen ließ. "Ich habe Toni noch nie mit so viel Biss gesehen, wie in diesem Jahr. Er will mit aller Macht etwas erreichen", schwärmt nicht nur Werder-Boss Jürgen Born. Heute beginnt mit dem Rückrunden-Start gegen Hertha BSC Berlin (15.30 Uhr/live bei Premiere) Ailtons Abschieds-Tournee in Bremen. Im Interview gibt der brasilianische Stürmer einen Einblick in seine Gefühlswelt und spricht über seine Ziele und Pläne.

?Bayern-Präsident Franz Beckenbauer spricht vom besten Ailton aller Zeiten, der die Meisterschaft entscheiden wird.

!"Dass Franz Beckenbauer so etwas sagt, ist für mich eine große Ehre. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass es noch andere starke Mannschaften gibt. Bayern, Leverkusen, Stuttgart oder Dortmund werden um den Titel mitspielen. Und es wird verdammt schwer für uns. Aber ich sage Ihnen auch: Spielen die Mannschaft und ich weiter so gut, wird Franz Beckenbauer Recht behalten."

?Sehen wir in dieser Saison tatsächlich den besten Ailton, den es je gab?

!"Ich bin in der Tat in einer überragenden Form. Ich war in den letzten Jahren eigentlich immer schon gut drauf. Jetzt habe ich aber mit Micoud und Klasnic Partner, die mich noch mehr puschen. Dazu unterstützt mich die ganze Mannschaft. Es ist auch ein wichtiger Punkt, dass ich als Fußballer noch mehr gewachsen bin."

?16 Tore in der Hinrunde - jetzt wird jeder Abwehrspieler Ihnen die Hölle heiß machen wollen.

!"Das stimmt. Jeder Verteidiger wird jetzt heiß sein, gegen mich zu spielen. Egal, sollen sie nur. Dann vergessen sie, dass wir noch andere Stürmer haben, die den Gegner dann abschießen. Und was mich betrifft: Jedes Spiel ist ein neues Kapitel. Und ich muss mir eben immer etwas Neues einfallen lassen, damit mich die Gegenspieler nicht kriegen."

?Sie wirken sehr diszipliniert und konzentriert. Das kannte man in dieser Form gar nicht von Ihnen.

!"Nun, ich werde halt älter und weiser . . . Aber im Ernst: Wir haben in diesem Jahr die ganz große Chance, viel zu erreichen. Und ich habe begriffen, dass ich als Führungsspieler dabei eine enorme Verantwortung habe. Der muss ich gerecht werden, in dem ich auch ein Vorbild für die jüngeren Spieler bin. Und das kann ich nicht sein, wenn ich noch gemütlich in der Sonne liege und die anderen bereits für unsere großen Ziele schuften."

?Man könnte den Eindruck gewinnen, dass Sie nach dem Bekanntwerden Ihres Wechsels zu Schalke 04 jetzt irgendetwas gutmachen wollen.

!"Nein, das täuscht. Ich habe nichts gutzumachen. Ich muss mich auch nicht rechtfertigen. Und ich denke auch nicht daran, was in vier Monaten sein wird. Ich konzentriere mich auf das Jetzt. Das ist wichtig."

?Und das heißt jetzt erst einmal Hertha BSC. Fünf Tore in acht Spielen - Berlin liegt Ihnen besonders...

!"Ja, es stimmt. Ich habe gegen Berlin immer getroffen. Und ich werde auch jetzt wieder zuschlagen, damit wir gewinnen. Da bin ich sicher. Das bin ich mir und meinen Fans schuldig."

?Was sind Ihre persönlichen Ziele für die Rückrunde?

!"Ich habe große Ziele. Wir können ganz oben landen. Das heißt: Meister zu werden. Zumindest aber die Champions League erreichen. Und dafür muss ich mich immer noch weiter steigern."

?Zu Ihren Zielen gehört sicher auch die Torjäger-Kanone in dieser Saison.

!"Ich habe noch einen Vorsprung. Doch ich weiß: Ich muss alles geben. Ich hoffe, dass ich mir dieses Jahr endlich den Traum erfülle, Torschützenkönig zu werden. Dafür werde ich hart arbeiten."

?In der Hinrunde kamen sie auf 16 Treffer. Wie viele Tore habe Sie sich insgesamt vorgenommen?

!"Ich will jetzt keine Zahl nennen. Hauptsache, ich werde Torschützenkönig. Das ist mein Traum."

?Ihr großer Mentor, Dr. Franz Böhmert, hat sich gerade zu seinem 70. Geburtstag gewünscht, dass Sie doch noch in Bremen bleiben.

!"Der Doktor war sehr traurig, als er von meinem Wechsel zu Schalke gehört hat. Und das hat wiederum mich sehr traurig gemacht. Denn Dr. Böhmert ist ein großer Förderer von mir, den ich sehr verehre. Ich kann ihm seinen Wunsch zwar nicht erfüllen, aber ich werde mir etwas anderes einfallen lassen."

?Und das wäre?

!"Mal sehen. Ich bin jetzt erst einmal meine Verpflichtung bei Schalke eingegangen. Über alles andere sprechen wir später."

?Das klingt, als können Sie sich eine Rückkehr nach Bremen vorstellen?

!"Ja. Ich habe bei Schalke einen Vertrag über zwei Jahre plus Option für eine weitere Saison. Dann bin ich 32 oder 33 Jahre alt. Ich will meine Karriere danach auf jeden Fall in Europa beenden. Am liebsten natürlich in Bremen. Wenn Werder mich will, komme ich zurück."

?Bereuen Sie Ihren Entschluss bereits?

!"Nein. Ich habe nichts zu bereuen. Ich habe bei Schalke unterschrieben und werde dort ab der neuen Saison spielen. Natürlich war es für mich eine schwere Entscheidung, denn ich habe in Bremen fünf wunderbare Jahre verbracht. Und mein Herz hängt weiterhin an Werder. Aber so ist nun mal das Geschäft."