Glückspilz Pizarro, Pechvogel Wicky (Weserkurier vom 27.Oktober 2001) Was wurde aus den Ex-Werderanern? Ein Transfer-Überblick der besonderen Art Von unserem Redakteur Heinz Fricke Die Frage gehört vermutlich zum Standardprogramm aller Fußball-Stammtische: Hat mein Verein richtig eingekauft? Die endgültige Antwort lässt zuweilen auf sich warten, aus einem einfachen Grund: Oftmals dauert es seine Zeit, ehe sich neue Spieler in der neuen Umgebung zurecht gefunden haben. Da fällt die Antwort bei einer anderen, ganz ähnlichen Frage meist leichter: Hat mein Verein richtig verkauft? Oder hat er hoffnungsvolle Talente zu früh oder zu billig abgegeben, sich leichtfertig von Leistungsträgern getrennt? Wir machten die Probe aufs Exempel beim SV Werder und schauten mal nach, wie es jenen ergangen ist, die Bremen in den inzwischen zweieinhalb Jahren verließen, in denen vor allem Sportdirektor Klaus Allofs für Ein- und Verkäufe verantwortlich ist. Der Prominenteste und Teuerste zuerst: Claudio Pizarro wäre niemals von Werder zu halten gewesen, es ging nur noch um den Preis", sagt Klaus Allofs. Der Transfer brachte sieben Millionen US-Dollar, umgerechnet fast 16 Millionen Mark, und der Peruaner hat inzwischen bei den Bayern nachgewiesen, dass er das viele Geld wohl wert ist. Raphael Wicky hingegen brachte, als er Werder ein halbes Jahr vor Vertragsablauf verließ, zwar nur" zwei Millionen Mark ein. Doch es war ein gutes Geschäft, angesichts der weiteren Laufbahn des talentierten Schweizers. Raphael ist für mich fast ein tragischer Fall", sagt Allofs heute über Wicky, der im Winter 2001 zum spanischen Zweitligisten Atletico Madrid wechselte, wegen der besseren sportlichen Perspektiven". Fast schafften die stolzen Spanier auch den Wiederaufstieg aber nur fast. Dann wurde das Geld knapp und Wicky verletzte sich zu allem Unglück. Als Atletico für diese Saison sein Spieler-Aufgebot meldete, fehlte Wicky aussortiert,wenngleich noch unter Vertrag. Allofs: In Spanien darf man nur eine bestimmte Zahl von Spielern melden." Ob der Schweizer zumindest regelmäßig sein zugesagtes Gehalt erhält, ist angesichts der desolaten Finanzverhältnisse von Atletico auch fraglich. Etwas besser hat es der einst von Dixie" Dörner an die Weser geholte Sven Benken getroffen. Sieben Einsätze in den bisher zehn Saisonspielen bei Hansa Rostock können sich sehen lassen. Da hat er schon fünf Partien mehr bestritten als Christian Brand, der Werder vor drei Jahren verließ, in Wolfsburg gar nicht glücklich wurde, und in Rostock nach erfolgreichen Monaten im vergangenen Jahr in dieser Saison nicht so recht in Tritt kam. Vielfach wurde die zweite Liga zum Auffangbecken für Werderaner, die man in Bremen für noch nicht oder nicht mehr gut genug hielt. So wechselten Jurij Maximow und Bernhard Trares zu Saisonbeginn zum Zweitligisten Waldhof Mannheim, der den Erstliga-Aufstieg bekanntlich nur verpasste, weil sich der schon als Aufsteiger feststehende 1. FC Nürnberg am letzten Spieltag daheim von St. Pauli bezwingen ließ. Dann im nächsten Jahr", sagten sich die Waldhöfer, holten unter anderem die beiden Bremer und fielen auf den Bauch. Derzeit ist Mannheim dem Abstieg näher als dem Aufstieg. Trares und Maximow, zuletzt vom Kicker" beide mit 5" benotet, wissen inzwischen, dass die Erfahrung wenig hilft, wenn es in der Mannschaft nicht passt. Bei Trares haben wir uns die Entscheidung sehr schwer gemacht, Jurij hingegen hat in Bremen doch insgesamt enttäuscht', erinnert sich Allofs. Etwas anders lag die Sache bei Stefan Brasas, der inzwischen im Tor des MSV Duisburg gegen den Abstieg kämpft. Wenn Rost sich nicht entschieden hätte, 2002 zu Schalke zu gehen, wäre Stefan heute noch bei Werder, er hat uns in keiner Weise enttäuscht", sagt Allofs. Doch der bevorstehende Rost-Transfer zwang zur Suche nach einem jungen, erstklassigen Nachfolger. Die Bremer sind überzeugt, ihn in Kuba" Wierzchowski gefunden zu haben. Er ist nicht schlechter als Czech", versichert Allofs, was einiges besagt. Denn der junge Tscheche sorgte als Schlussmann von Sparta Prag inzwischen in der Champions League für Aufsehen, Werder hingegen hatte im vergangenen Jahr nach einem Probetraining auf Czech verzichtet. Er war zu teuer, Sparta hat einfach mehr bezahlt", erzählt Allofs. Ein Wiedersehen mit Werder könnte es im nächsten Jahr für Christoph Dabrowski und Dirk Flock geben, die beide inzwischen für den Aufstiegskandidaten Arminia Bielefeld spielen. Dabrowski mehr, Flock weniger. Der hoch veranlagte frühere Gütersloher sitzt auch bei Benno Möhlmann meist auf der Reservebank. Während Dabrowski zu den Leistungsträgern der Arminia zählt. Bei uns hieß die Frage: Borowski oder Dabrowski, und da haben wir uns für den Jüngeren entschieden", erzählt Allofs und ist wen wundert es nach Borowskis Höhenflug von der Richtigkeit seiner Entscheidung überzeugt. Überhaupt zeigt der Blick auf die Liste der Abgänge: Pizarro einmal ausgeklammert, war kein Abgang der Allofs-Ära sportlich ein Verlust. Anders betrachtet: Es war eher ein Fehler, einige Spieler nach Bremen geholt zu haben. So verschwand der technisch so brillante Holländer Lody Roembiak sportlich in der Versenkung, auch für Mannheim reichte es nicht. Der Schweizer Adrian Kunz ist in der Heimat ebenfalls nicht glücklich geworden, er spielt nicht mehr im Profi-Fußball. Während Dirk Weetendorf immerhin beim Regionalliga-Spitzenreiter Eintracht Braunschweig zufrieden ist. Der Pole Jacek Chanko, einer von vielen, der Werders immer noch nicht gelösten Probleme auf der linken Seite beheben sollte, hat auch bei Pogon Stettin keinen Stammplatz bekommen und ist schon wieder weitergezogen. Immerhin, bei Werders vielleicht größtem Pechvogel der letzten Jahre scheint die lange Leidenszeit beendet zu sein. Werders Dauer-Verletzter Dieter Frey (Allofs: Ich habe ihn keine drei Mal spielen sehen") ist beschwerdefrei und schoss am Wochenende für Nürnberg sein erstes Tor. Einen Tag später machte ein anderer früherer Bremer beim Club" Negativ-Schlagzeilen: Bernd Hobsch wurde mit fünf weiteren Spielern aussortiert angeblich wegen fehlender Klasse, mangelnder Einstellung und als Unruhestifter. Das allerdings weckte Widerspruch bei einem Bremer: Bernd ist kein Querulant, und seine Einstellung war immer in Ordnung', verteidigte Allofs Hobsch. Er muss es wissen, zusammen wurden sie 1993 mit Werder Deutscher Meister. |
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