"Ich bin eine Bremer Legende"   (Kreiszeitung vom 26.November 2002)

Ailton über den Grund, weshalb er Werder "eigentlich" nie verlassen kann / Schaaf als Vaterfigur

Von Carsten Sander

Dieser kleine Mann mit dem kurzen Hals, der wulstigen Unterlippe und den schnellen Beinen hält ganz Bremen in Atem. Zum einen mit seinen Toren, die den SV Werder mittlerweile bis auf Platz zwei in der Bundesliga hievten. Zum anderen mit seinen ständig wechselnden Zukunftsgedanken. Mal soll's ein Wechsel sein, dann wieder schwört er Werder ewige Treue.

?Was stimmt denn nun, Herr Ailton?
!"Irgendwie beides. Ich stecke da in einer Zwickmühle. Einerseits möchte ich mit großen Vereinen große Erfolge feiern. Andererseits fühle ich, dass es für mich eigentlich schon unmöglich ist, Bremen zu verlassen."

?Und warum?
!"Ich bin doch schon ein Teil der Werder-Geschichte geworden, eine Bremer Legende. Ich spüre, wie die Fans mich lieben. Werder Bremen - das ist fast wie eine Familie für mich."

?Offenbar aber nur in guten Zeiten. In schlechten Tagen - beispielsweise, wenn Trainer Schaaf Sie kritisiert oder auf die Bank setzt - heißt es schnell, Sie wollen weg.
!"Ach, diese Spiele auf der Bank . . . Darüber mag ich gar nicht sprechen. Wenn ich auf der Bank sitze, dann wird mir die Lebensfreude genommen, dann bin ich ein ganz anderer Mensch."

?Klaus Toppmöller, Trainer von Bayer Leverkusen, hat einmal gesagt: Wenn man einen Brasilianer nicht spielen lässt, ist es so, als wenn man ihm die Frau wegnimmt . . .
!"Da hat er wohl Recht. Es ist das Allerschlimmste."

?Haben Sie deshalb gelernt, auf dem Spielfeld auch nach hinten zu arbeiten? Thomas Schaaf hatte zuletzt versucht, Sie gerade in dieser Hinsicht zu disziplinieren. Und gegen Hertha gab's erstmals überhaupt Lob für Ihr Defensiv-Verhalten.
!"Gegen Hertha war es ein spezielles Spiel. Ich habe meine einzige Chance zum frühen 1:0 genutzt. Weil wir diesen Vorsprung verteidigen und nichts mehr anbrennen lassen wollten, habe ich auch defensiv viel gearbeitet."

?Wird das jetzt zum Dauerzustand?
!"Das glaube ich ehrlich gesagt nicht. Ich bin ein Stürmer, kein Verteidiger. Und Stürmer werden nur an Toren gemessen. Wenn ich keine Tore schieße, kann ich noch so gut nach hinten arbeiten, dann bin ich nichts wert. Im Übrigen denke ich, dass ich der Mannschaft mit Toren mehr helfe als mit Defensiv-Arbeit."

?Da spricht offenbar wieder der Brasilianer aus Ihnen . . .
!"In Brasilien ist es nunmal so, dass ein Spieler, der etwas kann, gewisse Freiheiten genießt."

?Der Reservist Ailton musste schon erleben, dass das bei Thomas Schaaf grundlegend anders ist.
!"Stimmt. Aber das sind die ganz normalen Probleme."

?Wie ist Ihr Verhältnis zum Trainer?
!"Sehr gut, ehrlich. Ich arbeite jetzt schon fast vier Jahre mit Thomas Schaaf zusammen und habe ihm viel zu verdanken. Er war derjenige, der mich gefördert hat. Er ist wie ein Vater für mich. Und in einer Vater-Kind-Beziehung gibt es auch mal Reibereien."

?Zum Beispiel wenn der Sohn nicht gehorcht und zu spät nach Hause kommt - wie Sie nach dem Sommerurlaub.
!"So ist es. Ich habe mich nicht gut benommen und musste auf die Bank."

?Gehört es bei brasilianischen Profis in Deutschland zum guten Ton, mal "unartig" zu sein?
!"Gegenfrage: Sind Sie immer artig?"
?Selbstverständlich!
!"Mein Kompliment! Deutsche und Brasilianer sind da eben anders."

?Bei Werder stricken beide Mentalitäten trotzdem an einer gemeinsamen Erfolgsgeschichte. Wie ist Ihre Meinung zur Champions League?
!"Wir alle wollen die Qualifikation schaffen. Meine große Befürchtung ist aber, dass wir nach der Winterpause wieder einbrechen. Wie vor einem Jahr, als wir die ersten drei Spiele verloren haben. Wenn wir das verhindern, können wir uns oben festsetzen. Das ist die größte Hürde, die wir im neuen Jahr zu überwinden haben."

?Klaus Allofs hat angekündigt, in nächster Zeit mit Ihnen über eine vorzeitige Verlängerung des bis 2004 laufenden Vertrages zu sprechen. Können Sie dem Sportdirektor schon positive Zeichen geben?
!"Nein. In den nächsten drei Monaten werde ich mit niemandem über meinen Vertrag sprechen. Nicht mal mit meiner Frau - die fragt auch schon immer."

?Hat die Bremer Legende etwa doch Abwanderungsgedanken?
!"Man weiß nie, was an Angeboten kommt. Erstmal will ich mich aber nur auf das Sportliche konzentrieren. Bis zur Winterpause brauchen wir noch sieben Punkte aus drei Spielen. Dann mache ich Urlaub in Brasilien und will danach eine perfekte Rückrunde spielen. Ich bin top-motiviert."

?Demnach können wir Sie im Januar pünktlich zum Trainingsauftakt erwarten?
!(lacht): "Natürlich. Nach der Winterpause werde ich - wenn Gott will und nichts dazwischenkommt - der Erste sein, der aus dem Urlaub zurückkommt, und der Erste, der die Kabine betritt."