Trauernder Ailton in Gladbach nur auf der Bank?   (Kreiszeitung vom 22.Mai 2003)

Gestern war er wieder da und trainierte mit - aber irgendwie doch nicht. Allenfalls die körperliche Anwesenheit konnte Ailton nach der Übungseinheit am Vormittag attestiert werden. Mit seinen Gedanken aber war er noch ganz, ganz weit weg. "Es fällt mir schwer, mich überhaupt auf Fußball zu konzentrieren", gibt der Brasilianer zu. Alles, woran er im Moment denken kann, ist seine Familie in der Heimat, die den Tod seines Bruders betrauert.
Neun Tage war Ailton in Brasilien. Und er wäre nicht nach Bremen zurückgekommen, wenn er es nicht gemusst hätte. "Meine Familie wollte, dass ich bleibe. Meinem Vater geht es sehr schlecht. Er spricht mit niemandem außer mir. Der Tod meines Bruders hat ihn sehr mitgenommen. Die beiden haben täglich zusammen gearbeitet", schildert der Werder-Stürmer die Situation daheim.
Ailton spürt nun die eigene innere Zerrissenheit zwischen den Pflichten gegenüber seinen Angehörigen und denen gegenüber seinem Arbeitgeber. Sein erster Impuls nach der Landung in Bremen: Sofort zurück. "Ich werde in Brasilien gebraucht. Ich weiß aber auch, dass ich weiter Fußball spielen muss, um Geld zu verdienen - für meine Familie und für mich."
Für Thomas Schaaf ist es "klar, "dass er solche Überlegungen anstellt." Der Werder-Trainer hatte noch am Abend mit Ailton telefoniert und versucht, ihn aufzubauen. "Toni sollte jetzt erstmal zur Ruhe kommen. Vielleicht tut ihm das tägliche Training und die Gemeinschaft der Mannschaft gut. Er sollte jetzt erstmal etwas Normalität einkehren lassen", rät der Trainer.
Normalität - das heißt für Ailton Fußball. Doch noch ist nichts normal. Die Lust auf Tore ist weg, der Spaß am Sport ist weit in den Hintergrund gerückt. Trotzdem wird der Torjäger morgen mit zum Saisonfinale nach Mönchengladbach fahren. Ob er am Samstag aber auch spielen wird, ist mehr als fraglich. Thomas Schaaf sagt: "Wir werden ihm Zeit geben, dann sehen wir weiter. Vielleicht sitzt er auch nur auf der Bank."
Für Ailton ist nur soviel klar: Gleich nach dem Spiel will er zurück zu seiner Familie.