Duell in aller Freundschaft   (Münchener Merkur vom 17.November 2001)

Pizarro trifft auf seinen Kumpel Ailton

Es gab Zeiten, da waren sich Bremer und Bayern so gar nicht grün. Werder ärgerte die Münchner in diversen Titelkämpfen, Otto Rehhagel nervte die Männer in der Führungsetage der Roten solange, bis sie ihn ins eigene Lager holten und Willi Lemke brachte Uli Hoeneß in schöner Regelmäßigkeit zur Weißglut.
Oder Hoeneß Lemke, so genau weiß man das gar nicht mehr. Es ist schon lange her. Nach Rehhagel verließ auch Lemke den SV Werder, und der Klub griff seinerseits schon länger nicht mehr ins Titelrennen ein. Das Verhältnis ist mittlerweile so, dass es am heutigen Samstag im Weserstadion fast zum Duell in aller Freundschaft kommt.
Daran ändert nicht einmal etwas, dass die Bayern den Bremern im Sommer in Claudio Pizarro ihren treffsichersten Goalgetter wegverpflichtet haben. Ein Duell in aller Freundschaft wird das Spiel vor allem für den Ex-Werderaner - zu seinem ehemaligen Sturmpartner Ailton unterhält Pizarro auch nach dem Wechsel weiter Kontakt, die beiden sind dicke Freunde, was selten ist in der harten Fußball-Branche. In der vergangenen Saison zeichneten die beiden für 33 Treffer verantwortlich, 14 davon erzielte der in Bremen verbliebene Kumpel, den Pizarro als einzige Gefahr für den FC Bayern am heutigen Samstag betrachtet: "Wir müssen auf ihn aufpassen. Er kann ein Spiel ganz allein entscheiden. Und das auch gegen Bayern." Giovane Elber schätzt seinen brasilianischen Landsmann ebenfalls: "Er ist blitzschnell." In dieser Saison markierte Ailton schon fünf Tore, drei weniger als sein Ex-Kollege. "Es wird aber kein Privat-Duell Ailton - Pizarro geben", vermutet Elber, und Pizarro beteuert: "Ich habe keine Wette mit Ailton."
Dass der Neu-Bayer gegen den SV Werder dennoch besonders motiviert zu Werke gehen wird, davon ist Elber allerdings fest überzeugt: "Das erste Spiel gegen den früheren Klub ist immer etwas besonderes, das weiß ich noch von damals, als ich aus Stuttgart gekommen bin."
"Natürlich bin ich motiviert", sagt Pizarro, "ein Tor gegen Bremen wäre eine schöne Sache." Die Chancen stehen seiner Meinung nach nicht schlecht: "In der Verteidigung sind die nicht so stark." Pizarro könnte in Bremen außerdem erstmals in einem Pflichtspiel von Vorlagen von Stefan Effenberg profitieren. Der Kapitän wird nach überstandener Verletzungspause wieder seinen angestammten Platz als Mittelfeld-Chef übernehmen. "Wenn Stefan auftaucht, ist er die Nummer eins", stellte Ottmar Hitzfeld am Freitag noch einmal klar, dass er einen gesunden Effenberg niemals auf die Bank setzen würde. "Er wird dominant sein, weil das sein Naturell ist." Im Gegensatz zum Regisseur blieben die Rekonvaleszenten Mehmet Scholl, Jens Jeremies und Niko Kovac zuhause. Ebenso Thomas Linke, wegen gesundheitlicher Probleme.
Kurz vor der Abreise nach Bremen liefert auch Hitzfeld noch einen Beitrag zum Thema freundschaftliches Verhältnis zu den Hanseaten: "Werder Bremen ist schon oft über sich hinausgewachsen", sagte er. Und auch: "Der Verein hat Fußball-Geschichte geschrieben." Nur in letzter Zeit nicht mehr. Da gilt, was Franz Beckenbauer gesagt haben soll: "Bremen ist die langweiligste Mannschaft der Liga." Das klingt fast, als bedauere man die Absenz der ehemaligen Feindbilder.

Andreas Werner