Verstoßen und verschonen   (Kreiszeitung vom 9.April 2003)

Auch Ailton fehlte beim Training, bleibt aber straffrei / Tjikuzus Vergehen haben "anderen Stellenwert"

Von Carsten Sander

Der Rausschmiss von Razundara Tjikuzu - er wirft Fragen auf. Zum einen: Was wird jetzt aus dem kleinen Namibier? Zum anderen: Misst Werder Bremen mit zweierlei Maß? Zu vermuten ist das. Denn Tjikuzu war nicht der einzige, der am Sonntag das Training verpasst hatte. Auch Ailton fehlte beim Radeln nach dem 2:1 in Dortmund - unentschuldigt. Jedoch: Der Brasilianer bleibt wohl unbestraft.
Wie ist das möglich? Dem einen (Tjikuzu) wird auf Grund seiner langen Liste an vorherigen Verfehlungen der Vereinswechsel zum Saisonende nahegelegt, der andere (Ailton) - ebenfalls vorbelastet - kommt ungeschoren davon. Am Montag wurde mit ihm stattdessen sogar über eine vorzeitige Vertragslängerung gesprochen. Das sind deutliche Diskrepanzen. Aufklärung ist erforderlich.
Trainer Thomas Schaaf tut sich allerdings schwer, die Dinge plausibel zu erklären. Ailtons Nicht-Erscheinen war im Vorfeld nicht abgesprochen, der Brasilianer soll nach seiner Auswechslung in Dortmund sogar wütend angekündigt haben, am nächsten Tag nicht zum Training erscheinen zu wollen. Das dementiert Schaaf zwar, bleibt weitere Antworten aber schuldig. Nur soviel: "Die Sache mit Ailton ist mittlerweile gegenüber der Mannschaft erklärt worden." Sportdirektor Klaus Allofs ergänzt: "Es gibt eine plausible Erklärung, die aber nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist." Mehr gibt's zum Thema der geschwänzten Einheit nicht zu hören.
Auch nicht vom Spieler: "Frag' den Trainer . . ."
Was die Einsilbigkeit bei persönlichen Vergehen betrifft, so weist Ailtons Verhalten deutliche Parallelen zu Razundara Tjikuzus Auftreten gestern auf. Der wollte - einen Tag nachdem Werder ihn praktisch vor die Tür gesetzt hatte - überhaupt nicht reden. "Ich sage nichts", schnauzte er die wartenden Journalisten an. Weitere Nachfragen beantwortete er mit einem Fauchen: "Lasst mich in Ruhe!"
So ist freilich nicht zu ergründen, wie sich Tjikuzu fühlt - auch ob der zu vermutenden Ungleichbehandlung. Diese versucht Thomas Schaaf dann doch in das für ihn rechte Licht zu rücken. "Die Sachen, die Raschi sich erlaubt hat, haben einen anderen Stellenwert. Außerdem ist bei ihm die Häufigkeit entscheidend." Zudem: "Ailton hat immer, wenn er zu spät aus dem Urlaub kam, kräftig zahlen müssen", erklärt Schaaf. Tjikuzu für seine Verfehlungen allerdings auch . . .
Die 55 Minuten Verspätung am Sonntagmorgen bringen dem 23-Jährigen nun sogar die große Zeche ein. Bis zum Saisonende darf er bleiben, dann muss er einen neuen Verein gefunden haben. Was ihm auch gelingen wird, glaubt Sportdirektor Klaus Allofs: "Grundsätzlich ist er ein Junge, der in Ordnung ist, der aber ab und zu seine Aussetzer hat." Für Tjikuzu sei es nun "das Wichtigste, irgendwo ganz von vorne anzufangen". Denn in Bremen sei Tjikuzu nach allen bekannten Vorfällen mittlerweile unten durch. "Ein anderes Umfeld wird ihm gut tun", glaubt Allofs. Ob Tjikuzu selbst auch so denkt, bleibt leider sein Geheimnis . . .