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Im Dienste ihres Clans (Der Spiegel vom 08.Dezember 2003)
In der Bundesliga sind sie die umjubelten Stars, in ihrer brasilianischen Heimat sind sie die verehrten Wohltäter. Häufig aus ärmlichen Verhältnissen stammend, versorgen Profikicker wie Ailton oft die ganze Sippe - so mancher Ort sähe anders aus ohne das Geld aus Europa.
Ailton-Land beginnt am Ortseingang von Mogeiro, seiner Geburtsstadt im trockenen Herzen des brasilianischen Nordostens. Rechts machen Bulldozer ein paar Hütten platt, dort lässt der Fußballprofi von Werder Bremen eine Tankstelle mit Kaufladen errichten. Nebenan weiden sechs Reitpferde vor einer Stallanlage, das ist sein Gestüt. 100 Meter weiter mauern und hämmern rund 30 Arbeiter an einer weiß umzäunten Arena nebst Konzertbühne. Am 27. Dezember soll es so weit sein: Dann eröffnet der treffsicherste Stürmer der Bundesliga seine eigene Vaquejada, wie das Bauern-Rodeo in dieser Region genannt wird.
Ailton Gonçalves da Silva, 30, eines von acht Kindern des bettelarmen Landarbeiters Pedro Cruz, ist der heimliche Herr über Mogeiro. "Er ist ein Segen für die Stadt", sagt sein Schwager Aurelio José Ferreira. Und ein Segen für die Familie, aber das versteht sich eigentlich von selbst: Keiner der Brasilianer, die im fernen Deutschland kicken, lässt seine Verwandtschaft in der Heimat darben.
Brasilianer sind Familienmenschen. Das gilt erst recht für die hoch bezahlten Fußballstars, die häufig aus armen Verhältnissen stammen. Aus den kinderreichen Clans der Ailtons, Dedes und Marcelinhos ließen sich mühelos mehrere Fußballmannschaften rekrutieren. Doch da zumeist nur einem der Sprung in die gelobten Länder Europas gelingt, lastet auf dem das Wohl der ganzen Sippe. Allein in der obersten deutschen Spielklasse sind 24 Brasilianer beschäftigt, in Italien und Spanien sind es nicht weniger. Eine Spitzenkraft wie Torjäger Ailton wird nach seinem Wechsel zu Schalke 04 im kommenden Sommer rund vier Millionen Euro pro Jahr verdienen.
Ein Bruder berät ihn beim Kauf von Wohnungen
"Er ist die Basis für uns alle", sagt seine jüngste Schwester Ana Maria, 22. Das bildhübsche Nesthäkchen räkelt sich wohlig auf einem roten Designersessel in Ailtons Wohnzimmer. Gleich am Ortseingang hat der Sportstar eine hellgrüne Villa mit Swimmingpool und Fußballplatz errichten lassen. Das Gebäude, das auch in Malibu oder Marbella stehen könnte, ist die Kommandozentrale des Clans.
Ana Maria ist zweifellos die begehrteste Partie der Stadt. Der Bruder zahlt ihr das Studium und gelegentliche Reisen nach Deutschland. Während Ailton Tore schießt, kümmern sich seine Geschwister um die Anlage des Geldes, das er über den Atlantik schafft. Ein Bruder berät ihn beim Kauf von Wohnungen und Grundstücken, ein Schwager leitet die Fußballschule mit angeschlossener Vermittlungsagentur für Profikicker, die Ailton in der Provinzhauptstadt João Pessoa eröffnet hat.
Mindestens zweimal im Jahr fliegt der Werder-Stürmer ein, um sein Heimweh zu stillen. Dann herrscht Ausnahmezustand in Mogeiro. Vor dem Tor seiner Villa stehen die Einwohner Schlange, um den berühmten Sohn des Ortes zu begrüßen.
35 Familienmitglieder arbeiten direkt für den Fußballer, insgesamt unterstützt er 120 Freunde und Verwandte. Ailton kommt für die Medikamente auf, wenn ein abgebrannter Schwippschwager zum Arzt muss. Er lässt Reis, Bohnen und Fleisch anliefern, wenn bei den armen Familien am Stadtrand das Essen knapp ist. Und wenn die Rinder eines Nachbarn zum Schlachthof müssen, schickt er einen Lkw. "Ailton kann nicht Nein sagen", sagt seine Schwester.
Vor der Whiskybar im Wohnzimmer flackert ein Weihnachtsbaum, die Blumenkästen vor den Fenstern sind eine Reverenz an die deutsche Wahlheimat. An der Wand hängt ein riesiges Porträt des Auswanderers auf Zeit, daneben liegt eine Bibel aufgeschlagen auf dem Tisch - der Hausherr ist ein gläubiger Mann. Auf Wandregalen stapeln sich Pokale und Trophäen. Die hat allerdings nicht der Fußballer, sondern der Cowboy Ailton gewonnen: Seine zweite Leidenschaft gehört den Pferden.
Ein eigenes Haus für den Vater
Vom Schlafzimmerfenster aus blickt Ailton auf die Baustelle für seine Vaquejada. Aus dem Verkauf von Teilnahmecoupons und Eintrittsgeldern will der Fußballer seinen Lebensunterhalt bestreiten, wenn er in Europa nicht mehr gebraucht wird. Über eine Million Real, rund 300 000 Euro, hat er in seinen Heimatort investiert, alle Geschwister mit Autos beschenkt. Der Vater bekam einen Toyota-Geländewagen und ein eigenes Haus. Dafür kümmert er sich um die beiden Rinderfarmen seines Sohnes. 700 Tiere mästet er auf den Weiden.
Die Eskapaden, mit denen Brasilianer wie Ailton so manchen deutschen Vereinsmanager an den Rand der Verzweiflung treiben - die eigenmächtig verlängerten Heimaturlaube, der verquere Stolz, die Empfindlichkeit bei Kritik -, kann leichter nachvollziehen, wer um ihre Herkunft weiß. Schon als Sechsjähriger zog Ailton mit dem Vater über die Felder, um Maniok anzubauen oder Bohnen zu ernten. Abends kickte er mit Freunden neben der elterlichen Hütte. Irgendwann wurde ein Olheiro auf den Jungen aufmerksam, wie die Scouts der Profivereine genannt werden. Ein kleiner Club im Bundesstaat São Paulo nahm ihn unter Vertrag, der mühsame Aufstieg zum Berufsfußballer begann.
Der Clan will alimentiert werden
Der bullige Stürmer war in seiner Heimat nie ein Star. Jahrelang rackerte er sich bei Provinzvereinen ab. Kreuz und quer zog er durchs Land, ein Handlungsreisender in Sachen Fußball. Als er für Guarani im Süden spielte, erhielt er das erste Angebot aus dem Ausland. Knapp ein Jahr kickte er in Mexiko, bis Werder Bremen ihn 1998 nach Deutschland holte. Als er vor ein paar Wochen seinen Wechsel zum FC Schalke ankündigte, weil der besser zahlt, wurde Ailtons Art, Prioritäten zu setzen, nicht nur in der Hansestadt heiß diskutiert. "Ich muss an meine Familie denken", entgegnet er Kritikern, die ihn als "Söldner" bezeichnen.
So argumentiert auch Leonardo de Deus Santos alias Dede, der inoffizielle Sprecher der "Zuckerhutfraktion", wie die sechs Brasilianer bei Borussia Dortmund genannt werden. Nur unter Protest nahm er vor einigen Wochen eine 20-prozentige Gehaltskürzung seines finanziell klammen Clubs hin, er liebäugelte mit einem Angebot des FC Barcelona: "Wenn meine Karriere vorbei ist, habe ich als Ungelernter in Brasilien keine Chance, deshalb muss ich jetzt so viel wie möglich verdienen." Eine Argumentation, die auch auf die meisten deutschen, tschechischen oder schwedischen Profis in der Bundesliga zutrifft. Der Unterschied, den die Brasilianer für sich reklamieren, besteht im Clan, der alimentiert werden will.
Dede, 25, versorgt fünf Brüder und über hundert Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen. Bargeld verteilt er allerdings nicht: "Ich helfe nur mit Naturalien." Onkel Clóvis, dem Friseur, zahlt er die Krankenversicherung; Onkel Antonio Augusto, der Anstreicher, bekommt Kleidung und Medikamente. Onkel Manga, der als Straßenhändler gebrauchte Schallplatten verhökert, trägt zu Ehren seines Neffen ein Hemd von Borussia Dortmund.
Dede, der stets am Jahresende in den Favelas seiner Heimat Belo Horizonte Grundnahrungsmittel, Trikots und Fußballschuhe verschenkt, stammt aus einem Armenviertel der Millionenmetropole, seine Verwandten sind über die gesamte Stadt verteilt. Das Dribbeln auf engstem Raum lernte er zwischen Pflanzenkübeln und Türpfosten im Hinterhof des elterlichen Hauses. Vater Vicente, ein Hilfsarbeiter in einem Sägewerk, trainierte den Sohn auf der Straße, bis ein Scout ihn für die Jugendmannschaft von Atlético Mineiro anwarb, einem der beiden großen Clubs von Belo Horizonte. Bereits mit 20 Jahren wurde Dede nach Dortmund vermittelt.
In Deutschland gilt er als Preuße unter den Brasilianern, weil er zuverlässig ist und pünktlich - und weil er die fremde Sprache besser beherrscht als seine Landsleute. Den Eltern hat Dede ein riesiges Anwesen in der Nähe des Flughafens gekauft. Hinter einer hohen Mauer erhebt sich die gelbe Familienvilla. Hier leben Vater Vicente, Mutter Maria Alicia und seine Geschwister. Vor einem Großbildfernseher im ersten Stock lümmeln sich Bruder Levi und Cousin Wederson. Drei Brüder hat Dede bei deutschen Vereinen untergebracht. "Er ist der Traktor der Familie", sagt der Vater.
Wann immer er die Chance hat, jettet Dede zu seinen Eltern. Als er sich vor sechs Wochen am Sprunggelenk verletzte, saß er bald darauf im Flugzeug nach Brasilien. Seine Geschwister begleiten ihn, wenn er mit seinem silbernen BMW durch Belo Horizonte braust, um sich um die Geschäfte zu kümmern. Den größten Teil seines Vermögens investiert Dede in Immobilien, denn Häuser, Apartments und Bauland gelten in Brasilien als einzig wirklich sichere Anlage.
Dede hat keine abgeschlossene Schulausbildung. Wenn er in einigen Jahren nach Brasilien zurückkehrt, will er als Trainer arbeiten oder wie Ailton eine Fußballschule eröffnen: "Davon verstehe ich wenigstens etwas." Der Dortmunder Publikumsliebling hat das Schicksal vieler Profis vor Augen, die nach dem Karriereende zurück in die Armut rutschten. Selbst Superstars wie Romário fallen auf Betrüger herein. Vorvergangene Woche sagte der Ex-Nationalspieler vor einem polnischen Gericht gegen dubiose Finanzberater aus, die ihn um fünf Millionen Dollar geprellt haben sollen.
Skrupellose Treuhänder, denen Jungkicker die Verwaltung ihres Vermögens anvertrauen, nehmen die naiven Sportler aus. Nur wenigen wird das Handwerk gelegt - und wenn, dann aus anderen Gründen: Zwei Berater von Superstar Ronaldo wurden jüngst wegen einer Steueraffäre in Rio de Janeiro zu elf Jahren Haft verurteilt. Nachwuchskicker, die zumeist noch nie im Ausland waren und nur Portugiesisch sprechen, vertrauen deshalb allein ihrer Familie. Sie wirkt wie ein Bollwerk gegen die feindliche Umwelt in Europa. Viele holen ihre Verwandten in die neue Heimat nach.
"Wie in einer brasilianischen Großfamilie"
Marcelo dos Santos Paraíba, der Mittelfeldregisseur von Hertha BSC, ließ Mutter, Schwestern, Freunde und Cousinen einfliegen, als es ihm in Berlin zu einsam wurde. Im Gepäck brachten sie kiloweise schwarze Bohnen und Trockenfleisch mit, damit Marcelinho, 28, nicht auf die gewohnte Kost verzichten muss. Rund 30.000 Euro gibt der Sportler mit den blondierten Haaren im Monat für seinen Clan aus. Er mietet Wohnungen und kommt für Tickets, Autos und Verpflegung auf. "In seiner Berliner Wohnung geht es zu wie in einer brasilianischen Großfamilie", sagt sein Vater Pedrinho Cangula, der in Brasilien über die Investitionen des Sohnes wacht.
Marcelinho kommt aus Campina Grande im Bundesstaat Paraíba, nur 50 Kilometer von Ailtons Heimatort Mogeiro entfernt. Am Stadtrand hat er 13 Hektar Land für sich und seine Familie gekauft. Dutzende Bauarbeiter ziehen zehn Häuser für seine Geschwister und Eltern hoch, Fußballplatz und Swimmingpool sind selbstverständlich inbegriffen. Wenn der berühmte Sohn im Lande ist, bilden sich lange Schlangen vor dem Tor. Bedürftige Verwandte, Habenichtse und Kranke betteln um Geld, Neugierige wollen sich mit ihm fotografieren lassen. Marcelinho genießt im Ort den Ruf des Wohltäters, einem gelähmten Mädchen aus einem Armenviertel hat er einen Rollstuhl spendiert. "Er gibt zurück, was er als Kind entbehren musste", sagt sein Vater.
Oft kam Marcelinho hungrig nach Hause
Zwar war Pedrinho Cangula in den achtziger Jahren selbst der berühmteste Fußballer von Paraíba. Er erhielt Angebote von Clubs aus dem ganzen Land, doch sein Verein wollte ihn nicht ziehen lassen. Als seine Karriere zu Ende ging, verdiente Pedrinho etwa 150 Euro. Er schlug sich als Maurergehilfe durch, verfiel dem Schnaps und den Frauen. Seinen Sohn schickte er zum Eisverkauf ins Fußballstadion.
Oft kam Marcelinho hungrig nach Hause. In den Vierteln der Reichen bettelte er um Geld und Essen. Die Bewohner einer Villa luden ihn eines Tages zum Baden und Essen ein. Seither träumte er davon, eines Tages selbst so ein Haus zu besitzen. Vor einigen Jahren klingelte Marcelinho, inzwischen als Berufskicker zu Wohlstand gekommen, erneut an der Tür der Neun-Zimmer-Villa. Er machte der Besitzerin ein Angebot, das sie nicht ausschlagen konnte. Für seine Eltern kaufte er das Haus, in dem er einst als Bettler essen und baden durfte.
JENS GLÜSING |