"Hinten, Mitte, vorn - alle sind nervös"   (Die Welt vom 8.März 2003)
Der Bremer Torjäger Ailton über die Krise beim Tabellensechsten - Rückendeckung für Trainer Schaaf


DIE WELT: Herr Ailton, bis vor kurzem war Bremen der härteste Verfolger des Bundesliga-Tabellenführers FC Bayern.

Ailton: Das war einmal. Wir haben die letzten fünf Spiele inklusive DFB-Pokal verloren. Da denkst du an andere Sachen.

DIE WELT: An was zum Beispiel?

Ailton: An den UEFA-Cup. Schaffen wir den nicht, wäre das für alle enttäuschend. Aber glauben Sie mir, wir kommen da rein.

DIE WELT: Zurzeit sieht es aber nicht danach aus.

Ailton: Das stimmt. Nach dem miserablen Spiel gegen Kaiserslautern hat der Letzte begriffen, dass du den Zustand bei uns nur noch mit "Krise" beschreiben kannst.

DIE WELT: Ist diese Krise denn erklärbar?

Ailton: Nicht für mich. Es ist das gleiche Phänomen wie bei Bayer Leverkusen. Kann da einer wirklich erklären, wie die nach drei Vize-Titeln im letzten Jahr so abstürzen konnten? Wir sind genauso ratlos. Die Fußballer sind die gleichen, der Trainer derselbe. Alle sind wir gestandene Profis mit viel Erfahrung. Dennoch spielen wir schlecht.

DIE WELT: Hat Bremen zuvor über seine Verhältnisse gespielt?

Ailton: Blödsinn. Aber so ist das immer. Gewinnst du, steigen die Erwartungen. Und verlierst du, rächt sich das an dir. Dann fängt das Umfeld an zu quatschen, und die Erklärungen, warum es so weit kommen konnte, bekommst du von links und rechts um die Ohren gehauen. Es gibt Phänomene im Fußball, die kann man nicht so ohne weiteres erklären. Oder wie will man verstehen, dass man früher jede Flanke rein gemacht hat, und jetzt schießt man dem Verteidiger in den Rücken? Wissen Sie, wie ich das mal in Mexiko erlebt habe?

DIE WELT: Nein.

Ailton: Als ich zu Tigris Monterrey wechselte, standen die hoffnungslos auf einem Abstiegsplatz. Wir hätten die letzten Spiele alle gewinnen müssen. Und? Wir haben sie alle gewonnen. Keiner konnte es sich erklären. Jeder hat sich gefragt, wie dieser Haufen von Desperados (Hoffnungslosen, d. Red.) doch nicht abgestiegen ist. So funktioniert Fußball.

DIE WELT: Und wie funktioniert es in Bremen?

Ailton: Wir reden viel miteinander, wir schauen uns Videos an, wir versuchen zu analysieren. Im Training arbeiten wir hart, so wie immer. Denken Sie aber nicht, wir würden nicht mehr lachen oder rumalbern. Im Gegenteil.

DIE WELT: Aber das hat Johan Micoud an Trainer Thomas Schaaf kritisiert - den Mangel an Kommunikation.

Ailton: Man sollte aufhören, die Probleme bei Thomas zu suchen. Er ist echt okay, sein Training auch. Wir sind das Problem. Wir sind nervös, alle zusammen, hinten, in der Mitte, vorn.

DIE WELT: Sie selbst nennen sich "007 Ailton" auf Grund Ihrer 14 Saisontore. Seit dem 25. Januar haben Sie nicht mehr getroffen.

Ailton: Wenn Sie so wollen, bin ich zurzeit "007 Ailton" mit Ladehemmung. Aber das geht vorbei. Ich denke, jeder hat begriffen, gegen Bochum müssen wir spielen, als wäre es die letzte Partie des Lebens. Und die willst du einfach nicht verlieren. Ich bin mir sicher, wir gewinnen und spielen uns zurück in die UEFA-Cup-Plätze.

DIE WELT: Und wenn nicht?

Ailton: Fragen Sie mich das besser nicht.

Das Gespräch führte Martin Henkel.