Interview der Woche: Ailton (29, SV Werder Bremen)
"Allofs redet manchmal zu viel"   (Kicker vom 05.Dezember 2002)

Der Mann hat einiges zu erzählen. Über seine Zukunft. Über seinen nächsten Vertrag. Über die Bayern. Über Johan Micoud. Über die Nationalelf. Jetzt spricht Ailton, Bremens Turbo-Torjäger.

kicker:  Senhor Ailton, beim SV Werder schwärmt man vom "besten Ailton, den es je gab". Sind Sie mit 29 Jahren und knapp fünf Monaten in der Form Ihres Lebens?
Ailton:  Ach, ich weiß nicht. Zusammen mit Claudio Pizarro hatte ich auch eine sehr, sehr gute Zeit. Aber es ist schon was dran: Ich bin erfahrener geworden, abgeklärter, laufe nicht mehr so oft ins Abseits. Und ich treffe noch öfter als früher, schon zwölf Mal, das ist enorm.
kicker:  Ist die Reife also Ihr Erfolgsgeheimnis?
Ailton:  Zum Teil. Aber der Hauptgrund heißt Johan Micoud. So einen intelligenten Mittelfeldspieler hatten wir noch nie. Seine Pässe sind mein Lebenselexier.
kicker:  Genau wie der Druck von Seiten der Vereinsführung?
Ailton:  Pah, das ist Quatsch. Ich brauche keinen Druck von irgendjemandem.
kicker:  Aber gegen Lautern . . .
Ailton:  Ja, es stimmt, Sportdirektor Klaus Allofs hat mich in der Halbzeit ziemlich attackiert. Aber er redet manchmal einfach zu viel. Ich habe nach der Pause zwei Tore geschossen, aber nicht wegen seiner Kritik. Sondern weil die ganze Mannschaft besser gespielt hat. Allofs soll wissen, dass ich meine Tore für mich schieße, für meine Familie, für die Mannschaft - und nicht für ihn.
kicker:  Obwohl Sie die Torjägerliste anführen, standen Sie bislang schon vier Mal nicht in der Startelf. Bei diesen Gelegenheiten reden Sie öfter mal von Vereinswechsel - ist das immer ernst gemeint?
Ailton:  Natürlich. Über einen längeren Zeitraum würde ich das nicht mitmachen. Unter Felix Magath war es noch etwas anderes. Da war ich neu, musste mich durchbeißen. Aber inzwischen habe ich allen bewiesen, was ich wert bin. Entweder man weiß das zu schätzen oder nicht. Klar, im Moment sind alle glücklich. Aber ich bin immer noch sauer, dass ich gegen Bayern keine Minute gespielt habe.
kicker:  Klingt, als fühlten Sie sich in Bremen insgesamt unterbewertet.
Ailton:  Einen Spieler, der zwölf Tore schießt, wegen zwei, drei schwächerer Spiele so in den Senkel zu stellen, ist nicht akzeptabel. Was gegen Lautern passiert ist, war unerträglich. Die Kritik von Allofs an mir allein kann ich nicht akzeptieren. Kritik am Team nehme ich an, weil ich Teil des Teams bin.
kicker:  Wird Werder Meister?
Ailton:  Nein, das werden die Bayern. Sie sind klar die Besten.
kicker:  Aber die Champions League soll es doch wohl sein?
Ailton:  Wir haben eine gute Chance. Aber eigentlich ist es mir noch zu früh, darüber zu sprechen.
kicker:  Und was ist mit der kicker-Torjäger-Kanone?
Ailton:  Ich gebe zu: Das ist mein großer Traum. Letzte Saison stand ich kurz davor, diesmal will ich's wissen. Es wäre ein Triumph.
kicker:  Kennen Sie einen Stürmer in der Liga, der besser ist als Sie?
Ailton:  Es gibt einige, die meinen höchsten Respekt besitzen: Sand, Elber, Ewerthon. Wer der Beste ist? Kann ich nicht sagen. Doch ich zähle mich sicher zu den Top-Drei. Ich beneide nur Ebbe Sand um sein Kopfballspiel. Wenn ich das hätte, wäre ich der perfekte Stürmer.
kicker:  Gibt es überhaupt Verteidiger, die Ihrer Schnelligkeit standhalten können?
Ailton:  Robert Kovac und Lucio, gegen die habe ich Probleme.
kicker:  Das Thema Nationalmannschaft ist für Sie wohl abgehakt.
Ailton:  Auf keinen Fall! Ich habe positive Signale aus dem Verband, dass ich nächstes Jahr mit einer Berufung rechnen darf. In Brasilien bin ich ein großes Thema in den Zeitungen und im TV.
kicker:  Ein Grund mehr für Werder, Ihren Vertrag in der Winterpause über 2004 hinaus zu verlängern. Ihr Klub-Chef Jürgen L. Born hat bereits eine saftige Gehaltserhöhung in Aussicht gestellt.
Ailton:  Ich werde mit Werder frühestens im Sommer reden. Mein nächster Vertrag wird wohl mein letzter, da muss alles passen.
kicker:  Was genau?
Ailton:  Der Kontrakt muss mindestens noch mal über zwei, drei Jahre gehen. So lange werde ich, auch was meine Schnelligkeit angeht, auf höchstem Niveau spielen.
kicker:  Aber für einen absoluten Top-Verein wie den FC Bayern kommen Sie kaum in Frage. Oder wollen Sie so oft auf der Bank sitzen wie Ihr Freund Pizarro?
Ailton:  Wenn ich zu einem solchen Klub gehe, dann nur, wenn ich mich stark genug fühle, meinen Platz immer zu behaupten. So wie Elber oder Santa Cruz. Und im Moment fühle ich mich stark genug.
kicker:  Sie gehören also in die Champions League?
Ailton:  Wenn sich die Gelegenheit ergibt. Ich bin bereit, mich mit den Größten zu messen. Mit Raul, Henry, van Nistelrooy - und Ronaldo.
kicker:  Sie würden die familiäre Werder-Atmosphäre eintauschen?
Ailton:  Natürlich ist es hier sehr, sehr angenehm. Aber woher soll ich wissen, ob es anderswo nicht noch angenehmer ist?
Interview: Thiemo Müller