"Ich bin froh, dass ich jetzt die Nummer eins bin"   (Die Welt vom 5.November 2001)

Meister FC Bayern München feiert Claudio Pizarro und seine beiden Tore beim 3:0 gegen den HSV. In der Torjägerliste nun vor Giovane Elber

Von Jochen Schlosser

Es ist so weit, den FC Bayern umgibt die Aura der Unbesiegbarkeit. Denn wenn Vizepräsident Karl-Heinz Rummenigge unaufgefordert betont, dass "es nicht langweilig wird", ist meist das Gegenteil der Fall. Doch auch nach dem 3:0 (0:0) gegen den Hamburger SV, dem neunten Bundesliga-Sieg in Folge und der Einstellung des Vereinsrekords aus dem Jahr 1980, bleibt die Frage: Wer in der Torfabrik, bislang 30 Treffer, ist am produktivsten?
Am Samstag hat Claudio Pizarro mit den Saisontreffern sieben und acht den rekonvaleszenten Kollegen Giovane Elber (7) an der Spitze der Torjägerwertung abgelöst. "Ich bin froh, dass ich jetzt die Nummer eins bin", sagte der Peruaner. Und lächelte.
Das macht er häufig. Der Stürmer aus Lima stellt zu Recht fest, dass er "kein Mann großer Worte" ist. So hat denn die Integration des 16 Millionen Mark teuren Einkaufs beim deutschen Meister etwas länger gedauert, als sein ehemaliger Bremer Mitspieler Marco Bode vorhergesagt hatte ("Claudio passt innerhalb von drei Minuten zu jeder Mannschaft"). Er ist akzeptiert, aber wirklich gelöst wirkt er meist nur, wenn er mit dem Paraguayer Santa Cruz spanisch plaudert. Kein Vergleich zum lustigen Alleinunterhalter Elber.
Manchmal gibt er sich am Handy sogar als Roque aus, um Anrufer abzuwimmeln.
Dass sich in Bremen Mitspieler über seine nächtlichen Ausflüge aufregten, ist fast nicht zu glauben. In München ist bislang nichts dergleichen bekannt. Offenbar ist Pizarro, der früher den exzentrischen Kolumbianer Carlos Valderama als Vorbild nannte, der brave Familienvater, als der er sich stets präsentiert. Seit April 1999 ist er verheiratet mit seiner Jugendliebe Karla Salcedo, im Oktober 1999 kam Claudio Pizarro IV. zur Welt.
Solide auf und außerhalb des Spielfelds - das mögen die Verantwortlichen. Rummenigge klang ungewohnt euphorisch: "Wenn man bedenkt, dass der Junge erst 23 ist, war das eine Superinvestition." Denn so langsam verdeutlichen sich alle Stärken des Stürmers: "Pizza con tutto." Zumindest mit fast allem. Beim Kopfballspiel hapert es.
Am Samstag versenkte Pizarro jedoch sogar einen Freistoß. "In Bremen habe ich Freistöße geschossen. Aber hier? Normalerweise machen das Effenberg, Scholl, Hargreaves. Aber im Moment war niemand da. Ich habe Fink angeschaut, dann Paulo Sergio..." Er zuckte mit den Schultern, was heißen sollte, dass beide nicht wollten. "Da habe ich in die Ecke geschossen." Sagte er und lächelte. Nationalspieler Alexander Zickler, wegen Pizarro häufig nur Reservist, wollte den Höhenflug des Konkurrenten verständlicherweise nicht überbewerten: "Egal, wer spielt, es trifft eh jeder." Womit er derzeit Recht hat. Sogar Paulo Sergio, der dem Freistoß von Owen Hargreaves per Kopf den entscheidenden Tick zum 1:0 gab, durfte jubeln: "Gott sei Dank. Normalerweise mache ich immer ein paar Tore, aber diesmal hat es sechs Spiele lang gedauert." Was Pizarro selbstlos kommentierte: "Freut mich. Das war wichtig für uns."
So werden die Bayern gewiss den sechswöchigen Ausfall von Santa Cruz (Außenbandriss im linken Sprunggelenk) kompensieren. Denn Elber, daran erinnerte der Star des Tages, gibt es auch noch. Pizarros einfache Formel: "Giovane und ich - viele Tore." Ob das auch beim nächsten Spiel in zwei Wochen bei seinem Ex-Klub Werder Bremen gilt? Da lächelte er nur.