Toni, das Taxi und die Spuren im Sand (Weser-Kurier vom 5.Juni 2002)
Fußball ohne Bundesliga, das ist eine schwere Zeit. Man isst, man atmet, man schaut fern, alles okay, aber irgendwie fehlt da was. Zahlreiche Mitmenschen weisen erhebliche Erinnerungslücken auf, wenn sie an die Zeit zwischen zwei Spielzeiten zurück denken sollen. Doch dagegen gibt es ein Mittel. Die Brasilianer. Sie werden in der bundesliga- und damit für viele sinn-freien Zeit erstens gerne mal Weltmeister. Das Zugucken lohnt sich. Und zweitens füllen die Kicker aus Brasil das Sommerloch auch noch, in dem sie nicht da sind. Hat es je einen Trainings-Auftakt in Deutschland gegeben und sämtliche Bundesligisten vermeldeten: Unsere Brasilianer sind da. Alle. Nein, hat es nicht? Na gut. Julio Cesar, Amoroso und Co. halfen und helfen praktisch ihren Klubs, den Zeitungen und den Lesern im Sommer über die Runden. Wenn nichts los ist, sind sie nicht da und schon ist ganz schön was los. In Bremen gibt es, wegen der Kirch-Pleite und weil Emerson bei der WM ausgefallen ist, weiterhin nur einen Brasilianer. Weltmeister Gilberto Silva ist viel zu teuer für Werder. So muss Ailton nach wie vor ganz alleine das Bremer Sommertheater darstellen. Toni hat sich auch diesmal alle Mühe gegeben. Am Montag war er nicht da. Wie sich das für einen ordentlichen Brasilianer gehört. Am Dienstag auch nicht. Am Mittwoch kam er dann nach Bremen, aber da war die Mannschaft leider nicht mehr da. Also war Toni schon wieder nicht da. Die Kollegen robbten ohne den Kugelblitz durch den Sand von Norderney, was ihre Sympathien für Toni sicher ungemein gesteigert hat. Gestern morgen nun war er immer noch nicht da. Strandlauf 8 Uhr morgens ohne Toni. Der sorgte unterdessen nicht nur für hohen Unterhaltungswert, sondern trug auch noch zur Belebung der Wirtschaft in Bremen bei. Denn der Stürmer düste nicht mit seinem Porsche in Richtung Watt. Sondern ließ ein Taxi kommen. Das war geschickt. Denn immerhin hatte Toni, der sich selbst gern als großes Kind bezeichnet, eine knifflige Aufgabe zu lösen: Er sollte selbstständig auf die Insel finden. Selbstständig. Ohne Werder-Bus und so. Also durfte sich ein Taxi-Unternehmen über 330 Euro freuen. Um sicher zu gehen, hatte Toni das Taxi auch gleich noch auf die Autofähre rollen lassen, und dann bis vor die Tür des Golf-Hotels, wo sich der Werder-Tross einquartiert hat. Obwohl auch auf Norderney Taxen kutschieren, aber sicher ist sicher. Schade, dass beim Empfang, kurz vor 15 Uhr, nicht Frank Rost dabei war. Der hätte Toni bestimmt gefragt, ob er bei Ebbe oder bei Flut übers Wattenmeer gegangen sei. Thomas Schaaf sorgte dann dafür, dass der Nachrücker auch bei der dritten Trainingseinheit des gestrigen Tages nicht bei der Mannschaft war. "Nix mit Kicken. So läuft das nicht", sagte Schaaf. Toni musste allein zum Strand und dort eine Dreiviertelstunde durch den Sand rennen. Nun fördert Toni nicht nur Bremer Fuhrunternehmer sondern auch den eigenen Klub, der durch den neuen Fernsehvertrag und den (noch länger als Toni) fehlenden Trikotsponsor Ausfälle zu verkraften hat. 50000 Euro Strafe meldete die Nachrichten-Agentur dpa gestern, was vom Verein als reine Spekulation zurückgewiesen wird. Werders Vorstand soll, nach einer Befragung des Säumigen durch Sportdirektor Klaus Allofs, das Strafmaß festlegen. Getreu dem Vereins-Motto 100 % Werder" wäre in diesem Fall folgende Formel zu empfehlen: Das Taxigeld von 330 Euro mal 100. Irgendwie gut, dass es Brasilianer gibt. |