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Gala mit ohne Toni (Frankfurter Rundschau vom 05.Mai 2003) Obwohl "Kugelblitz" Ailton über sich und seine Ambitionen stolpert, spielt Bremen die Hertha beim 4:2 an die Wand Von Paul von Engeln (Bremen)
Ailton war restlos bedient. Nach seiner Auswechslung in der 84. Minute setzte sich Werders Torjäger auf eine Werbebande und sah dem Treiben der Kollegen zu. Es war ihm, wieder mal, rein gar nichts geglückt in diesem so wichtigen Spiel. Dreimal stand er frei vor dem Berliner Keeper Kiraly. Dreimal verhaspelte sich "Toni". Dabei will er doch Torschützenkönig werden. "Aber so wie er den Ball am Fuß hat", mutmaßte Sportdirektor Klaus Allofs, "sind Elber und Christiansen in seinem Kopf." Die schärfsten Konkurrenten im Kampf um die Torjägerkrone.
"Denken ist nicht gut für einen Stürmer vor dem Tor", sagte Werder-Trainer Thomas Schaaf. Toni, der Denker, drosch in der 74. Minute frustriert den Ball weg, fing sich damit seine fünfte gelbe Karte ein, ist nun gesperrt und wird ob dieser Undiszipliniertheit vom Verein bestraft werden. Trotzig sagte er: "In den letzten beiden Spielen schieße ich vier Tore." Das kann gut sein. Denn das Überraschungsmoment gehört in diesem Jahr zu Werder wie die Stadtmusikanten nach Bremen. Gegen Hertha BSC spielte die Mannschaft mit einem ständig stolpernden Ailton und operierte dabei so druckvoll und torgefährlich wie lange nicht. Das 4:2 war hochverdient. Mit einem mental gefestigten Ailton hätte es leicht 7:2 heißen können. Im Spiel des besten (Hertha) gegen das zweitschlechteste Team der Rückrunde (Werder) spielte der David den Goliath an die Wand. Die Hertha, die doch nach der Champions League schielt, zeigte sich im Weserstadion schwächer als Cottbus, Hannover oder irgendein anderer Gast. Es war auch das Spiel mit der defensivsten Werder-Aufstellung des Jahres, in dem dann die beste Offensivleistung der Bremer heraussprang. An einem solchen Tag kann dann auch Linksfuß Ludovic Magnin Werder durch einen strammen Schuss mit rechts mit 2:1 in Führung bringen.
Werder glänzte in einem Spiel, in dem es anfangs schlechter kaum hätte laufen können. Die Bremer, die in zwei Spielen zuvor besser gewesen waren als der Gegner, aber verloren hatten, bestürmten wild das Hertha-Tor. Und fingen sich nach 21 Minuten das 0:1 durch Arne Friedrich. Es war der erste Torschuss der Berliner. "Kaum zu glauben, da ist die Seuche drin", gab später Thomas Schaaf seine Gedanken zu Protokoll. Und Kollegen Huub Stevens sagte, auch er habe zu diesem Zeitpunkt gedacht: "Na, jetzt wird's aber schwierig, Werder." Und es wurde ganz schwierig - für Hertha. Ausgerechnet Krstajic und Magnin, die beim 0:1 gedöst hatten, leiteten mit ihren Toren die Wende ein.
Dann drückten zwei Kicker dem Spiel ihren Stempel auf, die den Fans zuletzt viel Kummer bereitet hatten: Johan Micoud und Angelos Charisteas. Der französische Mittelfeld-Star, der in der Rückrunde mehr durch Lustlosigkeit, heikle Interviews, rote Karten und eine Ohrfeige für einen Reporter aufgefallen war, zauberte, dass manch einer dachte: Ja, er ist doch ein Weser-Zidane. Der griechische Stürmer traf zweimal und bot ebenfalls Fußballkunst, die Spaß bereitete. Trainer Schaaf hatte ihn zuletzt trotz schwacher Leistungen aufgestellt. Der junge Grieche bedankte sich für diese Geduld.
Dass etliche Bremer wie junge Götter spielten, ließ sich anschließend nur in Floskeln begründen. "Es gibt Dinge im Fußball, die sind nicht zu erklären", sagte der zurückgekehrte Abwehrchef Frank Verlaat, dessen Platz eigentlich zunächst auf der Auswechselbank vermutet worden war. "Manchmal bin sogar ich für Überraschungen gut", kokettierte Schaaf, der am Freitag für eine Viererkette plädiert hatte und dann mit Dreierkette spielen ließ.
Nicht nur das löste Rätselraten auf Berliner Seite aus. Manager Dieter Hoeneß grummelte, die schwache Vorstellung der Hauptstädter habe "an allem gelegen". Keine Ordnung, keine Aggressivität, mieses Zweikampfverhalten. Aber warum? "Ja, warum? Das kann ich nicht sagen", rätselte Hoeneß. Ob der Gedanke an die Champions League seinen Mannen den Kopf verdreht hatte? "Eine fußballfremde Frage", wiegelte der Hertha-Manager ab.
Dass die Berliner trotzdem weiter auf die Königsklasse hoffen dürfen, blieb deren einzig erfreuliche Erinnerung an die Mission in Bremen. Zu verdanken haben sie es ihrem Ex-Trainer Jürgen Röber, der mit seinen Wolfsburgern ein Unentschieden in Dortmund erstritt. Hoeneß hatte Röber unter der Woche das lange versprochene Abschiedsgeschenk geschickt: eine teure Uhr. Per Telefon erläuterte er dem einstigen Weggefährten: "Wenn du in Dortmund nicht mindestens einen Punkt holst, musst du die Uhr zurückgeben." Wenigstens das hat funktioniert.
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