"Ich verstehe den Wirbel nicht"   (Kreiszeitung vom 04.März 2004)

Werder-Stürmer Ailton spricht über seine Pläne mit Katar / Kritik an Klose-Transfer erneuert


Von Arne Flügge
Ailton hat sich entschieden. Werders brasilianischer Stürmer nimmt zusätzlich die Staatsbürgerschaft Katars an, um für die Nationalmannschaft des Wüstenstaates die WM-Qualifikation zu bestreiten. Sein Noch-Arbeitgeber Werder ist einmal betroffen: Am 31. März spielt Ailton mit Katar in Jordanien. Im Interview spricht der 30-Jährige über seine Beweggründe und wehrt sich gegen die Kritik, ein Söldner zu sein.

?Bekommen Sie neben der Staatsbürgerschaft auch den Titel "Scheich Ailton"?
!"Ich denke nicht. Ich bleibe auch lieber nur bei Ailton."

?Haben Sie Werder-Trainer Thomas Schaaf mittlerweile über ihre Entscheidung informiert?
!"Ja, ich habe nach dem Training mit ihm gespochen. Er weiß jetzt, dass ich für Katar spielen will. Ich habe ihn gebeten, mir nächste Woche einen Tag frei zu geben, damit ich runterfliegen und alles erledigen kann."

?Thomas Schaaf ist kein Befürworter Ihrer Entscheidung. Bekommen Sie den freien Tag?
!"Ich weiß nicht, er will es sich überlegen."

?Hand aufs Herz: Spielt das Geld die Hauptrolle in ihrer Entscheidung?
!"Sicherlich spielt der finanzielle Aspekt auch eine Rolle, keine Frage. Aber für welchen Spieler wäre es kein Traum, zum Abschluss seiner Karriere noch eine Weltmeisterschaft zu spielen? Es wäre für mich die Belohnung meiner jahrelangen Arbeit in der Bundesliga."

?Erst einmal aber müsste sich Katar qualifizieren . . .
!"Und darum nehme ich den Job ja auch an."

?Ist es nicht ein komisches Gefühl, das Wappen eines Landes auf der Brust zu tragen, zu dem man eigentlich gar keinen Bezug hat?
!"Sicherlich ein wenig. Schließlich werde ich im Herzen immer Brasilianer bleiben. So lange wir aber nicht gegen Brasilien spielen, habe ich kein Problem damit . . ."

?Sind Sie ein Söldner?
!"Nein, überhaupt nicht. Schauen Sie, der Fußball ist mittlerweile doch globalisiert. In fast allen Nationalmannschaften sind Spieler anderer Nationalitäten. Denken Sie doch nur zurück: Paulo Rink ist Brasilianer, Gerald Asamoah Ghanaer, Sean Dundee Südafrikaner. Alle haben für Deutschland gespielt. Ich hatte jetzt dieses Angebot aus Katar. Wo ist da der Unterschied? Was soll der ganze Wirbel?"

?Wie denkt Ihre Familie darüber?
!"Sie findet es toll. Als die Nachricht in Brasilien bekannt wurde, haben mir alle zu diesem Schritt gratuliert und gesagt: Wenn du schon nicht die Wertschätzung in Brasilien erhältst, dann erfülle dir den Traum von der WM 2006 mit einem anderen Land. Katar ist zwar keine Fußball-Macht. Ich werde aber alles dafür geben, damit wir Erfolg haben."

?Also ist Ihre Zusage für Katar eine Trotzreaktion auf die Absage aus Brasilien?
!"Es steht außer Frage, dass ich tief enttäuscht war, nicht für Brasilien spielen zu dürfen. Nach allem, was ich in meiner Karriere geleistet habe, hätte ich diese Chance verdient gehabt. Als Trainer Perreira aber sagte, ich sei einfach zu alt, habe ich mich entschlossen, mein Glück woanders zu suchen. Klar, ein bisschen Trotz ist das schon. Das war aber wie gesagt nicht der Hauptgrund."

?Sie sagten, sie müssten kurz nach Katar fliegen, um die Papiere zu erledigen. Geht das nicht hier in Deutschland?
!"Nein. Den Vertrag und meinen neuen Pass muss ich in Katar unterschreiben. Außerdem will der Kronprinz mich kennenlernen."

?Was wissen Sie von Katar?
!"Es ist ein schönes Land, sehr heiß, und sie brauchen Ailton . . ."

?Benötigen Sie einen festen Wohnsitz in ihrem neuen Heimatland?
!"Nein, nur ein Kamel . . . Aber im Ernst: Ich fahre immer nur zu den Spielen hin. Nach zwei, drei Tagen bin ich wieder da. Das ist doch normal. So lange ist jeder Nationalspieler bei Länderspielen von seinem Club weg."

?Sie befürchten also keinen Interessenkonflikt zwischen Ihrem Job bei Werder und dem in der Nationalmannschaft Katars?
!"Nein, warum denn auch? Ich konzentriere mich ganz auf die Bundesliga. Dann fahre ich kurz nach Katar, komme fit und gut gelaunt zurück und werde Werder im Endspurt um die Meisterschaft mit meinen Toren zum Titel schießen."

?Das wünscht sich in der nächsten Saison Manager Rudi Assauer von Ihnen auch für Schalke. Deswegen . . .
!". . . ist er sauer, dass ich in Katar unterschreibe. Ich weiß. Aber ich frage mich immer wieder: Was hat Herr Assauer für ein Problem? Ich verstehe nicht, dass er sich so aufregt. Würde ich für Brasilien spielen, wäre ich zwölf Stunden im Flugzeug und käme total kaputt zurück. So fliege ich gerade mal fünf Stunden. Also, lieber Herr Assauer, machen Sie sich keine Sorgen: In Schalke erleben sie den selben Ailton wie in Bremen!"

?Dort steht Ihr Nachfolger fest: Miroslav Klose.
!"Nichts gegen Klose. Er ist ein sehr guter Spieler und wird Werder weiterhelfen, keine Frage. Aber: Ich verstehe nicht, dass man einen so guten und beliebten Stürmer wie mich gehen lässt und einen anderen verpflichtet, der noch teurer ist. Das denken fast alle im Team."

?Wirklich?
!"Ja, fragen Sie die Jungs. Kaum einer versteht das. Ich bin sehr traurig."

?Aber der Verein sagt, zum Zeitpunkt der Bekanntgabe ihres Wechsels nach Schalke sei kein Geld dagewesen.
!"Und ich sage: Ich glaube das nicht."