"Besessenheit ist ganz wichtig" (Berliner Zeitung vom 02.Februar 2004)
Dieter Müller über Ailton und Stürmer-Rekorde
Herr Müller, machen Sie sich Sorgen?
Warum sollte ich?
Sie haben in der Saison 1976/77 für den 1. FC Köln 34 Mal getroffen. Die 30-Tore-Marke hat nach Ihnen keiner mehr in der Bundesliga erreicht. Aber jetzt hat der Bremer Ailton in 17 Spielen schon 18 Tore erzielt.
Na, und? Mein Rekord hat jetzt fast 27 Jahre gehalten. Wenn er 28 Jahre hält, ist es gut. Wenn er gebrochen wird, ist es auch okay. Ich hab damit kein Problem. Wenn Ailton das schafft, ist er gut. Dann wird Bremen deutscher Meister.
Verfolgen Sie Ailtons Entwicklung?
Natürlich. Ich gucke ja Bundesliga im Fernsehen. Ailton hat ein unheimliches Selbstvertrauen, er hat einen Lauf, und das ist für Stürmer extrem wichtig - das war bei allen großen Torjägern so. Beim zweiten Tor gegen Hertha hat man das wieder gesehen. Das macht ja normaler Weise keiner. Aber Ailton macht zurzeit sowieso, was er will: linker Außenspann und sonst was - das ist pures Selbstvertrauen. Wenn der so weitermacht, kann er es schaffen, an die 30 Tore zu kommen.
Was zeichnet Ailton sonst aus?
Erstmal seine Schnelligkeit, vor allem auf den ersten Metern, aber auch im vollen Lauf. Dann ist er beidfüßig. Er hat den Killerinstinkt. Und er spielt in einer guten Mannschaft. Große Torjäger können nur in guten Mannschaften spielen.
Was kann Ailton, was Sie früher nicht konnten? Das kann man schlecht vergleichen. Sicher ist er dynamischer und schneller als ich. Ich war ja eher der Torjäger, der spekuliert hat auf Flanken für Kopfballtore. Und ich war halt besessen, Tore zu machen. Aber ich glaube, das ist er auch.
Wer in der Bundesliga könnte Ihre Marke außer Ailton gefährden?
Außer Ailton traue ich das eigentlich keinem zu. Es ist schwerer geworden für die Stürmer. Wenn heute einer 20 Tore macht, ist er ja schon Torschützenkönig.
Sie leiten eine Fußballschule. Kann man kleine Ailtons heranziehen?
Man kann schon eine Menge trainieren. Aber die große Begabung muss da sein. Und die Besessenheit, Tore zu machen, die ist ganz wichtig. Ich hab mir damals nach dem Training in Köln den Littbarski oder den Schuster oder den Löhr geschnappt und gesagt: Mach mal dreißig, vierzig Flanken. Dadurch kriegst du Sicherheit und Selbstvertrauen, und das ist für einen Stürmer wichtig. Denn ein Torjäger ist ja wie ein Torwart ein Spieler, der extrem abhängig ist vom Rest der Mannschaft.
Vor Wochen hieß es, Ailton solle eingedeutscht werden. Gute Idee?
Er ist sicher im Moment ein Ausnahmestürmer. Aber man muss auch sehen, dass Ailton ein sehr launischer Spieler ist. Wenn s nicht so läuft, hat der es nicht einfach. Er muss treffen. Aber zurzeit trifft er ja.
Interview: Andreas Lesch
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